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62 - Versklavung und Vertreibung

Es war in den Vormittagsstunden des 12. Juni 1945, als die Partisanen in die Häuser kamen und die Hausbewohner aufforderten, binnen 10 Ninuten das Haus zu verlassen. Für 14 Tage waren Lebensmittel mitzunehmen und im Fabrikhof Nr. 1 sollte alles erscheinen. Dort wurde ein Teil der Bevölkerung zum Abschub herausgezogen und der Rest konnte zurückgehen. Der Partisanenführer hielt eine Haßrede in tschechischer Sprache, die vom Ortsbriefträger Peschl ins deutsche übersetzt wurde. Die in aller Eile mitgenommene Habe war von einigen auf einem Handwägelchen oder Schubkarren verstaut. Der Weg war vorgeschrieben. In Olbersdorf kamen noch die dort zu Vertreibenden dazu. Es sollte ein Leidensweg von einigen hundert Menschen, Greise, Frauen und Kinder werden. Nicht die gute Straße wurde benutzt, sondern das unwegsame Zohseetal aufwärts über Weipersdorf nach Oberhermanitz bei Regen und stockfinstrer Nacht. Viele alte Leute konnten ihre letzten Habseligkeiten nicht mehr erschleppen, stürzten in der Dunkelheit und mußten ihr weniges im Graben liegenlassen. Bei Tagesanbruch dort angekommen, durfte nach diesen ersten dornenvollen Wegesstunden gerastet werden. Die Leute sollten über die Grenze nach dem schlesischen Reichsgebiet getrieben werden, doch die Polen hatten bereits die Grenze besetzt und abgesperrt. Wir wurden wieder in unsere Ortschaften zurückgejagt. Dort angekommen, sahen die Leute daß alles in den Wohnungen durchsucht und durcheinanderlag. Am übernächsten Tage ging die Austreibung wieder los und zwar nach Tschenkowitz. Auch hier waren die Bewohner schon vertrieben, zwei Gasthäuser waren als Massenlager vorgesehen. Einige Tage später kamen aus der Umgebung tschechische Bauern und holten sich Arbeitssklaven, die sie aus den Reihen der Männer, Frauen und Kinder nach Belieben auswählten. Es gab auch verständnislose wie skrupellose Arbeitgeber, die den Leuten unzureichende Kost gaben.

Im April 1946 holte man einige Bewohner von Zohsee, sowie solche, die bereits in das tschechische Gebiet vertrieben waren und dort als Sklaven arbeiteten. Das ehemalige Arbeitsdienstlager am Fiebig in Landskron, wo die Transporte zusammengestellt wurden, mußten die Vertriebenen durchlaufen.
Etwa 4 bis 6 Wochen dauerte die Internierung im Lager, bis wieder ein Transport abgeschoben war. In der Wartezeit wurden einige Männer und Frauen von den eingeströmten Tschechen kurzerhand als Arbeitssklaven abgeführt. Diese wollten für die Molkerei in Landskron eine bessere Wasserversorgung erstellen. Eine Bohrfirma in Politschka wurde beauftragt, in der Nähe der Josefsquelle eine Versuchsbohrung durchzuführen. Die Arbeitszeit war in 3 Schichten am Tag geteilt. Unter den zugeteilten Männern befanden sich drei Zohseer und zwar der Richter Alfred von Nr. 37, Langer Adolf Nr. 15 und Langer Fritz Nr. 68.

Am 8. Mai 1946 ging der erste Zohseer Transport nach Westdeutschland ab. Die Fahrt ging über Prag - Furth i. Walde - Regensburg und Augsburg. Hier wurden die angekommenen Heimatvertriebenen gleich am folgenden Tag auf verschiedene Landkreise des Regierungsbezirks Schwaben verteilt. Die heimatliche Dorfgemeinschaft war endgültig zerrissen. In einem der nächsten Transporte und auch zuvor kamen einige Zohseer in die sowjetisch besetzte Zone und die letzten wieder nach Westdeutschland.

Am 31. Oktober ging der letzte Transport und die Vetreibung aus dem Kreis Landskron war abgeschlossen. Die Gemeinde Zohsee hatte nach 700 Jahren aufgehört zu existieren, nur die Gebäude mit annähernd der gesamte Einrichtung sowie sämtliche wertvollen Besitztümer der Bewohner blieben zurück. Nun konnte - falls nicht bereits geschehen - die Aufteilung der Beute durch die Kolonialisten beginnen.

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