Erste wilde Vertreibung aus Landskron

"Am 5.7. erhalten ungefähr 1500 Landskroner ihren schriftlichen Ausweisungsbefehls schon frühmorgens, 5 Uhr 45. Vom Stadtplatz (7 Uhr) in den Getreidespeicher und in die Goldwarenfabrik Langer verbracht. Selbstverständlich - das braucht nicht immer wiederholt zu werden, da es stets erfolgte - wurden Uhren, Schmuck, Geld und Sparbücher, Wertgegenstände und die als solche angesehen wurden - abgenommen. Am nächsten Tag Verladung von je 40 Personen mit ihren verbliebenen Habseligkeiten in offenen Kohlenwaggons. Fahrt nach Teplitz-Schönau (kein Getränk, niemand durfte austreten). Nach verregneter Nacht Auswaggonierung. Schießende Tschechen treiben den Elendszug pausenlos zum Kamm des Erzgebirges hinauf. Wer starb, blieb liegen. Nochmals Kontrolle, und über die Grenze gejagt; jeder seinem Schicksal überlassen. Wochenlang waren diese Bedauernswerten unterwegs von Ort zu Ort, mehrere 100 km Fußmarsch, denn nirgendwo in der Sowjetischen Besatzungszone durfte länger als 24 Stunden verblieben werden, wenn man keine Unterkunft fand. Die unterwegs Umgekommenen sind nicht gezählt."
[Heimat Kreis Landskron, F.J.C. Gauglitz]


"Am 5. Juli 5.45 Uhr früh erhielt ich mit meiner Familie und mit mir noch ungefähr 1500 Heimatgenossen den schriftlichen Ausweisungsbefehl.

In dem Getreidespeicher und in der Goldwarenfabrik Langer wurden wir zusammengepfercht. Dort wurden uns in rabiater Weise der Schmuck, die Uhren, die Einlagebücher und der größte Teil des Geldes weggenommen. Nach einer Nacht auf den Steinfliesen wanderte der Elendszug zum Bahnhof, wo wir bis zu über 40 Personen mit dem Gepäck in kohlenschmutzstarrenden offenen Waggons wie das Vieh verladen und in ununterbrochener Fahrt nach Teplitz-Schönau transportiert wurden. Während der Fahrt durfte niemand den Waggon verlassen, kein Getränk wurde verabreicht, die Kinder waren am verdursten, niemand durfte austreten. In Teplitz-Schönau auf dem Bahnhof mußten wir die verregnete Nacht im offenen Waggon verbleiben.

Am Morgen des 7. Juli 1945 wurden wir auswaggoniert, in einen Zug formiert, ein Partisane schlug mir die Zigarette aus dem Mund, gab mir eine Ohrfeige und stahl mir den letzten spärlichen Tabakvorrat aus der Tasche mit dem Fluch: "Ich werde dir geben rauchen, du deutsches Schwein!" In Marschkolonne mit den Handziehwagen wurden wir von schießenden Partisanen wie die Verbrecher eskortiert, buchstäblich mit Peitschenhieben vorwärts getrieben. 16 km ging es im schärfsten Marschtempo ununterbrochen bergan über das Erzgebirge bis zur letzten tschechischen Grenzkontrolle. In glühender Sommerhitze stöhnten die Leidensgenossen, die kleinen Wagen hinter sich herziehend. Meiner Schwester Berta Kunz riß ein Partisane die goldenen Ohrgehänge aus den Ohren, so daß sie blutete, ihre 20jährige Tochter wurde dabei ohnmächtig, ich zog vorüber, konnte ihr aber natürlich nicht beistehen. Meine Frau machte schlapp, indem sie in Folge Entkräftung den Handziehwagen nicht mehr mitziehen helfen konnte, so daß ich mit dem letzten Aufgebot meiner geschwächten Kräfte und, obwohl am rechten Arm noch immer teilweise gelähmt [Anm: von den Mißhandlungen in Landskron am 17.05.], mit einem Zugseil um den Körper diese Sklavenarbeit alleine leisten mußte. Unsere Kinder mit einer alten Tante wurden mit LKW zur Grenze gebracht.

Austretenden Flüchtlingen schossen die Partisanen nach. Ohne Erbarmen trieben sie uns pausenlos vorwärts, ein älterer Mann blieb, vom Schlag getroffen, tot auf der Strecke. Bei der Grenzkontrolle wurden vielen Flüchtlingen ein Teil ihrer verbliebenen Habe gestohlen. In der ersten sächsischen Grenzgemeinde Geising fanden wir weder Unterkunft noch Verpflegung, die Erwachsenen mußten auf dem Friedhof, die Kinder mit den Müttern in der Kirche nächtigen.

Auf der fürchterlichen Vertriebenenwanderung durch Deutschlands zerstörte Städte verloren wir unser jüngstes Kind durch die Ruhr in Berlin, alle anderen drei Kinder erkrankten ebenso wie wir selbst an der Ruhr, meine Frau außerdem an Typhus. Wir zogen durch einige verseuchte Lager und gelangten schließlich am 22.7.1945 gänzlich erschöpft und fast verhungert in Wismar in Mecklenburg an.

Auch meinen 85jährigen kranken Vater, meine schwerleidende vollinvalide 51jährige Schwester Therese und die zwei Schwestern meines Vaters, 87 und 90 Jahre alt, letztere in sterbendem Zustand, haben die tschechischen Humanitätsapostel aus der Heimat verjagt. Meine Schwester und die beiden Tanten starben nach kurzer Zeit in Altersheimen in Boizenburg und Güstrow, mein Vater im Juli 1948 in Rochlitz in Sachsen.

Ich verließ im Oktober 1947 die Ostzone, nachdem ich über zwei Jahre die Russen und deren Trabanten genossen hatte, wurde an der Zonengrenze von der deutschen Polizei an die Russen ausgeliefert, entfloh und gelangte schließlich in ein Lager in der US-Zone. Nach einjähriger Vorbereitung habe ich meinen Beruf als Rechtsanwalt [...] wieder aufgenommen."

[Bericht Nr. 75 des Notars Dr. Leopold Pfitzner, abgedruckt im Band 1 "Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei", herausgegeben im Jahr 1957 vom Bundesministerium für Vertriebene]


im Schönhengstgau